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„80 years ago“ – das Tagebuch der Etty Hillesum

„80 years ago“ – am 09. März 1941 begann die jüdische Niederländerin Etty Hillesum, Tagebuch zu schreiben. Zwei Jahre später wird sie in Auschwitz ermordet. Zuvor hinterlässt sie einer Freundin ihre Tagebücher. Es war Etty Hillesums Anliegen, dass ihre Erfahrungen und Gedanken in Form ihrer Tagebücher weiterleben und anderen Menschen helfen. Sie brachte damit die Ereignisse, die um sie herum passierten und ihre persönliche Entwicklung in dieser Zeit, auf Papier.

Der israelische Historiker Gideon Greif schreibt darüber: „Die Shoah ist in den Text eingepflanzt, aber sie ist nicht der Hauptfaktor und die bedeutendste Kraft.“ Es sind vielmehr folgende Themen und Motive, die sich durch die Aufzeichnungen ziehen: (universelle) Liebe statt Hass, Selbsterkenntnis, Zuwendung zur inneren Kraft, Bedeutung des Leidens, Tod, Selbstlosigkeit und Menschlichkeit, Glaube und Spiritualität sowie zwischenmenschliche Beziehungen.

Für Greif war das Schreiben von Hillesum zugleich Überlebensmechanismus und eine Form des Widerstands. Er fasst die Tagebücher und ihre Bedeutung wie folgt zusammen:

„Ihr Tagebuch schildert den Sieg des Guten über das Böse, einen Sieg ohne Waffen, basierend auf innerer Stärke und Überzeugung und auf dem Glauben an das Gute, das absolut Gute, das sogar die Nationalsozialisten nicht ausrotten konnten, obwohl sie sich sehr bemüht hatten. Gerade vor dem düsteren Hintergrund der Epoche sind Weltanschauung und Lebensphilosophie von Etty Hillesum ein Lichtblick. Das macht ihre Tagebücher zu einem unvergleichbaren Dokument für jeden – ob jüdisch oder nicht jüdisch, religiös oder säkular, jung oder alt“.

80 years later – 2021 leben wir in einem Europa, in dem – drei Generationen nach dem Holocaust – der Nationalsozialismus unsere Gesellschaft nach wie vor prägt. Rassistische und antisemitische Gewalt sind Teil unseres historischen Erbes. Besonders schmerzlich wird dies bei Anschlägen wie in Halle oder Hanau sichtbar oder durch den Fakt, dass eine rechtsextreme Partei im Bundestag sitzt. Aber rassistische und antisemitische Denkmuster strukturieren unsere Gesellschaft ganz alltäglich auf struktureller und institutioneller, aber auch auf ganz individueller Ebene und führen zu immer wiederkehrenden Diskriminierungserfahrungen für Menschen in unserer europäischen Gesellschaft.

Mit dem Projekt „80 years ago“ werden die Gedanken und Gefühle von Etty Hillesum hörbar und zugänglich gemacht. Es soll die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, aber gleichzeitig mit jedem Eintrag auch jede*n Zuhörer*in daran erinnern, dass Antisemitismus und Rassismus keine Relikte der Vergangenheit sind, sondern dass beides weiter existiert und alle immer und jederzeit dem entschlossen entgegentreten müssen.

Politische Bildung für eine demokratische Gesellschaft kann also nicht ohne den Rückbezug auf historische Ereignisse funktionieren, da diese ausschlaggebend für aktuelle Prozesse sind. Daher sind wir froh, dass wir als Willi-Eichler-Akademie das Projekt „80 years ago“ von Eva Becker unterstützen können.

Sie leiht Etty Hillesum ihre Stimme und lässt ab dem 9. März über ein Jahr hinweg die Tagebucheinträge genau an den Tagen, an denen Etty Hillesum 80 Jahre zuvor auch ihren Tagebucheintrag verfasste, hörbar werden. 58 Einträge zählt ihr Tagebuch im Jahr 1941 – mal lustig-heiter und leicht, mal tief erschüttert und traurig. Ettys Aufzeichnungen zeugen von der Gewissheit des Untergangs und doch ihrer Absicht weiter zu leben, an Gott und das Gute im Menschen zu glauben.

Folgt dem Projekt auf Instagram und Facebook und der Projektseite www.80-years-ago.de!